GOTLAND      
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GOTLAND

von Simona Sabato
       
 




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Sonntag, 29. Mai 2005

Vierzig Quadratmeter Deutschland

Billy-Regale an der Wand, große Reispapierlampions an der Decke und für die Gemütlichkeit das Minikissen Irma griffbereit. So sieht konfektioniertes Wohnen aus. Ikea macht's möglich. Endlosdiskussionen über Kombinationsmöglichkeiten von Über-Eck-Schreibtischen und Einbauküchen eignen sich bestens zur trendigen Lebensphilosophie, weil man dabei Negatives ausblenden kann. Alleingelassen von ihrer Tochter Heidi, die sich telegen als Opfer stilisiert, weil sie beinahe von einem Psychopathen verstümmelt wurde, flüchtet auch Marion in diese Welt, in der weder Tod noch Krankheit existieren. Währenddessen stirbt ihr Mann daheim einsam an Krebs. Es ist eine bitterböse Farce, die der Berliner Dramatikerin und Ernst-Willner-Preisträgerin des jüngsten Klagenfurter Bachmann-Wettbewerbs Simona Sabato mit "Gotland" gelungen ist.

Regisseur Reto Kamberger und sein Ensemble Paulettas Plan setzten die Tragikomik des Stücks bei der Uraufführung im Theater Zerbrochene Fenster treffsicher um: Heidi (Marit Fochler) und Liebhaber Dr. Illig (Ede Gellner) präsentieren in einer Talkshow ihren resozialisierten Vorzeigepatienten Ray (Thomas Mai). Dem wiederum tischt Marion (Saskia Kästner) auf, sie sei die Witwe des Obdachlosen, den er erwürgt hat. Sie findet so einen Totschlag viel aufregender als einen Krebstod. Die Figuren versuchen auf Gedeih und Verderb, ihrem monotonen Dasein zu entkommen - und scheitern. In ihrem Inneren brodelt es zwar, doch ihr wahres Ich offenbaren sie nur aus Versehen.

Sie sprechen erschreckend real in hohlen Werbefloskeln, gestehen Gefühle in krawalligen TV-Shows, kleiden sich wie aus dem Katalog und träumen in Rollenklischees. Da ist es nur konsequent, daß sie bei Ikea einziehen. Vierzig praktisch-bunte Quadratmeter Deutschland als Synonym und Bleibe für verkrüppelte Seelen. Das ist so witzig wie traurig.

Theater Zerbrochene Fenster, Schwiebusser Str. 16, Kreuzberg, Tel.: 691 29 32. Bis zum 13.6., Fr - Mo, 20.30 Uhr.

Ulrike Borowczyk


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