GOTLAND      
      Das Stück
GOTLAND

von Simona Sabato
         
 

























Marion ist verwitwet, fast verwitwet, ihr Mann hat Krebs und liegt im Sterben. Die entstehenden Tumore in den Hoden ihres Mannes hatte sie nicht rechtzeitig bemerkt, was ihr ihre Tochter Heidi, immerhin Kranken­schwester, vorwirft. Denn Heidis neuer Liebhaber Dr. Illig hat ihr genau erklärt, wie man den Krebs hätte erkennen können. Dr. Illig ist Chefarzt in einer psychiatrischen Klinik für Gewalttäter. Er und Heidi waren in einer TV-Talkshow zu Gast, um ihren Vorzeige­patienten Ray zu präsen­tieren. Ray hatte nämlich in einem "emotionalen Ausnahme­zustand" einen Obdachlosen erwürgt, ein Tod, welcher Marion offenbar interessanter erscheint als der Krebstod ihres Mannes. So beschließt sie, die Rolle der Witwe von Rays Opfer einzunehmen. Sie sucht Ray auf, um ihm ihre ganz persönliche Familien­geschichte zu erzählen. Schließlich lernen wir noch Christiane kennen, verantwortlich für die Öffentlich­keits­arbeit bei einem bekannten schwedischen Einrichtungshaus, bei dem auch Ray arbeitet. Ihr ist es zu verdanken, dass die Menschen in Zukunft keine Möbel mehr kaufen müssen, sondern "viel bequemer" einfach direkt bei Ikea einziehen.

Vielleicht sehnt man sich aber auch "inmitten von Klippan und Billy" nach der Kargheit und den steilen Küsten von Gotland. Gotland ist ein Stück über den Umgang mit Krankheit und mit Schuld, ein Stück über verpasste Chancen und Selbsthass. Die Figuren sprechen diese Themen jedoch kaum direkt an, sondern verbergen ihre seelischen Abgründe hinter alltäg­lichen Gesprächen über Wohnungs­ein­richtung. Durch diesen ebenso realitäts­nahen wie brillanten Kunst­griff der Autorin erfahren wir einiges über die Schub­laden-Problematik bei Über-Eck-Schreib­tischen und über die Strategien der "Auflaufwände" in den Ausstellungs­räumen großer Möbel­häuser.

Was uns tatsächlich präsentiert wird, sind verzweifelte Figuren:
Menschen, die sich schuldig gemacht haben, und solche, die es von sich glauben. Menschen, die sich selbst zu Opfern stilisieren und solche, die wirklich einer Gewalt ausgesetzt sind. Die absurde Komik, welche dem Gegensatz dieser Themen entspringt, macht das Stück zu einer skurrilen Farce über Verantwortung und Selbst­verwirk­lichung. Die Figuren des Stücks versuchen, ein anderes Leben für sich zu behaupten, um alte Verletzungen und Traumata loszuwerden. Marion bricht aus der Rolle der pflegenden Ehefrau aus. Sie überlässt ihren Mann dem Tod, um eine neue Identität für sich zu erschaffen, zu erspielen. Im Bemühen, konventionellen Unter­drückungs­mecha­nismen zu entgehen, wird sie jedoch mit ihren eigenen Täter- und Opfer­phanta­sien konfrontiert.